„123456“ gehört auch 2026 wieder zu den meistgenutzten Passwörtern weltweit.

Während Unternehmen Milliarden in KI investieren, Zero‑Trust‑Architekturen aufbauen und ihre Cloud‑Strategie optimieren, scheitern sie noch immer an einem der grundlegendsten Sicherheitsmechanismen: der Anmeldung.

Passwörter sind seit Jahrzehnten das Standard‑Authentifizierungsverfahren. Und seit Jahrzehnten sind sie das grösste Einfallstor für Angriffe.

2026 könnte nun das Jahr sein, in dem sich das ändert. Der Grund: Passkeys.

Doch stirbt das Passwort wirklich – oder erleben wir nur den nächsten Hype?


Das Problem ist nicht, dass Menschen „schlechte“ Passwörter wählen.
Das Problem ist das Konzept selbst.

Ein Passwort ist ein sogenanntes Shared Secret – ein Geheimnis, das sowohl der Nutzer als auch der Server kennen müssen. Wird dieses Geheimnis gestohlen, abgefangen oder geleakt, ist der Zugang kompromittiert.

Die typischen Schwachstellen:

  • Passwort-Wiederverwendung über mehrere Dienste
  • Phishing-Angriffe
  • Datenbank-Leaks
  • Social Engineering
  • Umgehung oder Ermüdung bei MFA

Selbst mit Zwei‑Faktor‑Authentifizierung bleiben viele Systeme angreifbar – insbesondere durch ausgeklügelte Phishing-Kampagnen oder Session-Hijacking.

Kurz gesagt: Das Passwort ist ein Modell aus einer Zeit, in der das Internet noch Vertrauen statt Angriffsfläche war.


Passkeys basieren auf modernen Webstandards wie FIDO2 und WebAuthn.
Statt eines Passworts wird ein kryptografisches Schlüsselpaar erzeugt:

  • Ein privater Schlüssel, der ausschliesslich auf dem Gerät des Nutzers verbleibt
  • Ein öffentlicher Schlüssel, der beim Dienst hinterlegt wird

Beim Login wird kein Geheimnis übertragen. Stattdessen signiert das Gerät eine Anfrage kryptografisch. Der private Schlüssel verlässt nie das Gerät.

Authentifiziert wird der Nutzer lokal – z. B. über:

  • Fingerabdruck
  • Gesichtserkennung
  • Geräte‑PIN
  • Yubikey

Das bedeutet:
Kein Passwort, das gestohlen werden kann.
Kein Shared Secret.
Kein klassisches Phishing.

Technisch betrachtet ist das ein enormer Fortschritt.


Apple, Google und Microsoft treiben Passkeys aktiv voran. Viele Plattformen bieten sie bereits standardmässig an.

Warum gerade jetzt?

1. Sicherheitsgewinn

Phishing-resistente Authentifizierung ist ein echter Fortschritt.

2. Bessere User Experience

Kein Passwort merken. Kein Reset. Kein Support-Ticket.

3. Reduzierte Supportkosten

Passwort-Resets gehören zu den häufigsten IT‑Supportanfragen.

4. Ökosystem-Strategie

Passkeys funktionieren besonders komfortabel innerhalb eines Geräte‑Ökosystems.
Das stärkt Plattformbindung.

Und hier wird es interessant:

Sind Passkeys ein offener Sicherheitsstandard – oder ein strategisches Instrument zur stärkeren Kundenbindung?


So überzeugend die Technologie klingt – die Praxis ist komplexer.

Legacy-Systeme

Viele interne Anwendungen unterstützen WebAuthn noch nicht.
Eigenentwicklungen, ältere ERP‑Systeme oder branchenspezifische Tools hängen hinterher.

Gerätevielfalt

Mitarbeitende nutzen:

  • Firmenlaptops
  • Private Smartphones
  • Homeoffice-Geräte
  • Shared Devices

Passkey-Management wird hier schnell organisatorisch anspruchsvoll.

Geräteverlust

Was passiert, wenn das einzige registrierte Gerät verloren geht?
Recovery-Prozesse müssen sicher und gleichzeitig praktikabel sein.

Identitätsmanagement

Unternehmen arbeiten mit:

  • Azure AD / Entra ID
  • Okta
  • On-Prem-AD
  • Hybrid-Strukturen

Die Integration von Passkeys in bestehende IAM-Architekturen ist nicht trivial.


Trotz aller Fortschritte wird das Passwort 2026 nicht verschwinden.

Warum?

1. Kompatibilität

Nicht jeder Dienst unterstützt Passkeys.

2. B2B-Software hinkt hinterher

Viele Business-Anwendungen sind technisch konservativ.

3. Fallback-Mechanismen

Fast überall existiert weiterhin ein Passwort als Backup.

4. Compliance-Anforderungen

Regulatorische Rahmenbedingungen sind noch nicht überall klar definiert.

Die realistische Einschätzung:

Passkeys ersetzen das Passwort nicht sofort.
Sie reduzieren seine Bedeutung.

Das Passwort wird zur Fallback-Technologie – nicht mehr zur primären.


Auch Passkeys sind kein Allheilmittel.

  • Account-Übernahmen über Social Engineering bleiben möglich
  • Malware auf kompromittierten Geräten bleibt ein Risiko
  • Abhängigkeit von Geräte‑Ökosystemen steigt
  • Recovery-Prozesse können neue Schwachstellen schaffen

Und vor allem:

Sicherheit ist nie nur eine Technologiefrage – sondern auch eine organisatorische.


Statt in Extreme zu verfallen („Alles auf Passkeys!“ oder „Wir warten ab!“), sollten Unternehmen strategisch vorgehen:

  1. Pilotprojekte in nicht‑kritischen Bereichen starten
  2. IAM‑Strategie überprüfen
  3. Recovery‑Prozesse sauber definieren
  4. Mitarbeiterschulungen einplanen
  5. Passkeys als Teil einer Zero‑Trust‑Strategie betrachten

Passkeys sind kein isoliertes Feature – sie sind ein Baustein moderner Identitätsarchitektur.


Nein.

Aber 2026 könnte das Jahr sein, in dem wir ernsthaft beginnen, uns davon zu lösen.

Erstmals gibt es eine massentaugliche, standardisierte und technisch überlegene Alternative.
Das ist ein Wendepunkt.

Die spannendere Frage lautet nicht:

„Wann verschwindet das Passwort?“

Sondern:

„Wie schnell passen Unternehmen ihre Identitätsstrategien an eine passwortlose Zukunft an?“

Denn eines ist sicher:
Das Passwort hat uns lange begleitet.
Aber seine beste Zeit liegt hinter uns.